Warum Familien im Landkreis Stade und dem Landkreis Harburg um grundlegende Rechte kämpfen müssen
heute möchte ich folgenden Artikel zum Anlass nehmen einmal mehr etwas darüber zu schreiben…
Artikel über Autismus vom 07.11.2025
Autismus und der Ruf nach echter Inklusion
Warum Familien im Landkreis Stade und dem Landkreis Harburg um grundlegende Rechte kämpfen müssen
Von Thomas
Der jüngst erschienene Bericht über Familien im Landkreis Stade und Harburg , die für ihre autistischen Kinder kämpfen müssen, wirft ein Schlaglicht auf ein Thema, das längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist: Inklusion. Was sich in politischen Reden selbstverständlich anhört, entpuppt sich im Alltag vieler Betroffener als zermürbender Kampf um Teilhabe, Unterstützung und Anerkennung.
Der Artikel ist ernüchternd und erschütternd zugleich – nicht, weil er etwas Überraschendes enthüllt, sondern weil er eine Realität beschreibt, die für viele Familien zur täglichen Belastungsprobe geworden ist. Eine Realität, die oft über die körperliche und psychische Belastungsgrenze hinausgeht. Und eine Realität, die nicht sein müsste, denn Inklusion ist in Deutschland nicht optional, sondern gesetzlich verpflichtend und völkerrechtlich verankert.
Recht auf Inklusion – Theorie und Praxis klaffen auseinander
Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet sich Deutschland seit 2009, Menschen mit Behinderungen gleichberechtigten Zugang zum allgemeinen Bildungssystem zu ermöglichen. In Niedersachsen ist jede Schule offiziell eine „inklusive Schule“. Diese Worte wirken auf dem Papier klar und unmissverständlich. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt eine Kluft, die für betroffene Kinder und ihre Familien zu einem fast unüberwindbaren Hindernis geworden ist.
Es fehlt nicht am Willen der Eltern oder Kinder – es fehlt an Personal, an Ressourcen, an sonderpädagogischer Unterstützung, an Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern, an klaren Strukturen und an Verantwortungsübernahme. Eltern berichten von Anträgen, die sich über Monate hinziehen, von unzureichenden Förderkonzepten, überforderten Lehrkräften und Behörden, die eher verwalten als unterstützen.
Für viele Familien bringt jeder Tagesbeginn die gleiche Frage mit sich: Wird mein Kind heute in seiner Würde und seinem Recht auf Bildung ernst genommen – oder wieder einmal nur „mitgeschleppt“?
Autismus braucht Verständnis – und Vorbereitung
Autistische Kinder haben vielfältige Bedürfnisse. Manche benötigen intensive, kontinuierliche Unterstützung, andere lediglich eine ruhige Umgebung, klare Abläufe oder eine geschulte Ansprechperson. Genau diese Differenzierung macht die schulische Inklusion anspruchsvoll – aber keineswegs unmöglich.
Dort, wo ein Schulbegleiter fehlt, ein Lehrer für sonderpädagogische Fragen nicht ausgebildet ist oder das Klassenzimmer keinerlei Rückzugsmöglichkeiten bietet, scheitert Inklusion schon im Ansatz. Statt ein Lernort zu sein, wird die Schule dann für das Kind zum Stressauslöser – und für die Eltern zum täglichen Krisenmanagement.
Der Preis für schlechte Inklusion
Die Folgen unzureichender Unterstützung sind vielfältig:
• Kinder ziehen sich zurück oder verweigern den Schulbesuch
• Familien geraten in soziale Isolation
• Eltern müssen ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben
• Die Beziehung zwischen Schule und Elternschaft belastet sich dauerhaft
Betroffene berichten, dass sie immer wieder zwischen Behörden, Schulen und Kostenträgern vermitteln müssen. Viele kämpfen dabei nicht nur für Unterstützung, sondern auch gegen Vorurteile und Unverständnis.
Ein strukturelles Problem – kein Einzelfall
Der Landkreis Stade und der Landkreis Harburg stehen mit diesen Problemen nicht allein. Bundesweit melden Eltern vergleichbare Erfahrungen. Doch gerade deshalb muss man Fragen stellen:
• Wie kann ein gesetzlich zugesichertes Recht derart oft scheitern?
• Warum werden Familien so oft auf den Rechtsweg verwiesen?
• Wie lange können Schulen und Behörden die strukturelle Unterversorgung noch ignorieren?
Inklusion ist keine Frage des Wollens, sondern des Umsetzens – und vor allem eine Frage der Priorität. Wenn Inklusion weiterhin als „Zusatzaufgabe“ gilt und nicht als grundlegender Bestandteil des Bildungssystems, werden die Probleme nicht kleiner, sondern größer.
Was jetzt passieren muss
Echte Inklusion erfordert:
• ausreichend qualifiziertes Personal
• verlässliche Schulbegleitungen
• klar definierte Zuständigkeiten der Behörden
• Fortbildungen für Lehrkräfte
• moderne pädagogische Konzepte
• eine Kultur, in der Kinder mit Behinderungen nicht „mitlaufen“, sondern selbstverständlich dazugehören
Es braucht politischen Mut, finanzielle Investitionen und ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass Inklusion kein Luxus ist, sondern ein Menschenrecht.
Ein Appell an Politik und Gesellschaft
Der Ruf der Familien im Landkreis Stade hallt über die Region hinaus. Er ist ein Weckruf. Ein Anstoß, genauer hinzusehen, zuzuhören und endlich zu handeln.
Denn Inklusion bedeutet nicht, ein Kind „mitzunehmen“, sondern es anzunehmen.
Nicht, es im Klassenraum sitzen zu lassen, sondern ihm echte Teilhabe zu ermöglichen.
Nicht, Gesetze zu formulieren, sondern sie umzusetzen.
Solange Inklusion in Deutschland mehr im Gesetzbuch steht als im Schulalltag lebendig ist, wird dieser Kampf weitergehen. Doch er sollte nicht von den Familien allein geführt werden müssen.